Gewalt!

  • Gewalt – betrifft mich nicht?
  • Gewalt – kommt nur bei anderen vor?
  • Gewalt – nicht in guten Kreisen?
  • Gewalt – ein Phänomen der untersten Gesellschaftsschicht?

Viermal nein! Warum? Weil häusliche Gewalt in Österreich fast schon an der Tagesordnung steht. Jede fünfte Frau ist in unserem zivilisierten Österreich körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Jedes vierte Kind muss mitansehen, wie sich Eltern Gewalt antun. Jedes fünfte Kind wird selbst Gewaltopfer. Und: Die Gewalttaten mit tödlichem Ausgang nehmen zu: Wurden im Jahr 2014 19 Frauen ermordet, waren es im Vorjahr mehr als doppelt so viele – nämlich 41!

Was ist los mit und in unserer Gesellschaft?

Gewalt hat viele Gesichter: Manchmal kommt sie ganz subtil daher – mit Zynismus; mit schneidender Stimme; mit Erniedrigung. Manchmal reitet sie die psychisch-emotionale Klaviatur – mit Liebesentzug; mit Vernachlässigung; mit der Weigerung, mit dem eigenen Kind noch ein Wort zu sprechen; mit dem Druck auf Kinder durch getrenntlebende Eltern. Manchmal schlägt sie zu – mit der Faust; mit den Fußen; mit sexueller Übermacht. Da wird gezeigt, wer der Herr im Hause ist…
Und die Opfer? Die schweigen – zu oft. Aus Scham. Aus Angst vor neuer Gewalt. Nach außen hält man die Fassade der heilen Familie aufrecht. Genau dieses Schweigen macht es so schwer, den Opfern zu helfen. Aber auch den Tätern. Denn nur in seltenen Fällen passiert Gewalt aus Bösartigkeit. Meistens ist es Überforderung, Stress, Ohnmacht, eine Situation, mit der man nicht mehr zurande kommt.
Heuer „feiert“ Österreich 30 Jahre Gewaltverbot in der Erziehung: Als Sozialreferentin des Landes Kärnten habe ich dazu eine große Öffentlichkeitskampagne gestartet – Kärnten soll mit Plakaten und Videospots und prominenten Unterstützern zum Beispiel aus dem Sport mit unseren Topvereinen KAC, VSV, WAC zu diesem Thema „geflutet“ werden.

Man soll nicht daran verbeikommen, sich mit „Gewalt“ auseinanderzusetzen.

Wenn es schon nicht der Hausverstand tut, so schreibt es das Gesetz seit 30 Jahren ausdrücklich vor, dass Gewalt in der Erziehung verboten ist. Österreich war 1989 übrigens das weltweit vierte Land, das dieses Gewaltverbot festgeschrieben hat. Dennoch leiden heute bis zu 25 Prozent der 6- bis 14-jährigen Kinder unter einem gewaltbelasteten Erziehungsstil. In Kärnten wären das rund 22.800 Betroffene. Knapp zehn Prozent der 15-Jährigen sagen, im Vorjahr mindestens einmal körperlich misshandelt worden zu sein. Die Öffentlichkeitskampagne, die das ganze nächste Jahr andauern wird, agiert nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern bietet auch Lösungen an. Denn: Gewalt kann niemals eine Lösung sein…

Die Kampagne wird in drei Phasen ablaufen.

Phase eins beleuchtet den Status Quo, sprich statistische Zahlen zur Häufigkeit von Gewalt in der Erziehung. Es sind dies Zahlen, die (leider) unter die Haut gehen – „4.637 Kinder werden jährlich in Kärnten geboren. Obwohl es verboten ist, erleben 1.159 von ihnen im Laufe ihrer Kindheit zu Hause Gewalt.“ „41.109 Kinder und Jugendliche besuchen den Weihnachtsgottesdienst. Obwohl es verboten ist, erleben 10.277 von ihnen zu Hause Gewalt.“ „1.243 Kinder und Jugendliche engagieren sich bei der Feuerwehrjugend. Obwohl es verboten ist, erleben 311 von ihnen zu Hause Gewalt.“

Phase zwei wird von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche zu Wort kommen lassen – mit berührenden Worten: „Ich weiß, du hast kaum noch Zeit für dich, Mama. Aber was kann ich dafür?“ „Wenn Papa nach der Arbeit laufen war, dann spielt er oft noch mit mir. Wenn nicht, dann tut er mir weh.“

In Phase drei sprechen Gewalt ausübende Elternteile: „Immer, wenn ich den Kleinen geschlagen habe, fühle ich mich elend. Hätte ich nur schon früher gewusst, dass es Hilfe gibt.“ „Ich mache die Augen zu, zähle leise bis fünf… und dann gehe ich hinaus. Ich will meine Tochter nie mehr schlagen.“
Der Kampf gegen Gewalt ist ein Auftrag an uns alle. Er ist eine Verpflichtung. Wir dürfen nie müde werden, dieser Verpflichtung nachzukommen. Wir müssen den Opfern eine Stimme geben, wenn ihre eigene Stimme aus Angst und Scham versagt. Wir müssen den Opfern Mut machen, nein zu sagen! Wir müssen den Opfern – aber auch den „Tätern“ – Hilfe bieten. Vor allem aber müssen wir sensibel dafür sein, wo Gewalt beginnt – und welchen andauernden Schaden wir damit unserem Nächsten antun können.

Sprechen wir darüber

Als zuständige Sozialreferentin ist es mir ein riesiges Anliegen, genau dafür aufmerksam zu machen: Sprechen wir darüber und tabuisieren wir nicht! Werden wir wieder sensibler und hellhöriger. Und sozialer. Beginnen wir damit in den eigenen vier Wänden. Im eigenen Zuhause, das ein Ort der Geborgenheit sein soll.
Und an die Bundespolitik möchte ich den Appell richten:

Es sind mehr finanzielle Mittel notwendig – für Prävention, Schutz und langfristige Maßnahmen.

Die sozialdemokratische Partei macht sich seit langem für eine Zusammenarbeit über ideologische Grenzen hinweg stark. Mit den gegenwärtigen Mitteln kann nicht viel mehr als die notwendigste Unterstützung geleistet werden. Österreich braucht noch mehr Wohnraum für von Gewalt betroffene Menschen; mehr psychologische Betreuung; mehr juristische Begleitung; mehr Mittel, um gewaltfreie Beziehungsarbeit zum Beispiel an Schulen durchzuführen. Die SPÖ Kärnten wird dranbleiben. Weil Gewalt keinen Platz haben darf in unserer Gesellschaft…

Links:

Kinderschutz Kärnten

Beate Prettner am 16.12.2019

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